Der Techniker: Eine glückliche Spezies!?

Als Web-Entwickler zu arbeiten ist schon toll: Man hat keinen Chef vor der Nase sitzen, der einem permanent diktiert, wann denn die Kernarbeitszeit beginnt und endet. Außerdem ist man so herrlich ungebunden an den Arbeitsort. Da wird dann gerne auch mal der Badesee zum Büro. Ein herrliches Leben! Wieso sind nicht alle Web-Entwickler? Und vor allem: warum bin ich eigentlich nicht hauptberuflich selbständiger Web-Entwickler? Techniker Nerd glücklich Zumindest das kann ich erklären: Monatlich ein festes Gehalt in Aussicht zu haben ist toll und der tägliche Kontakt zu netten Kollegen ist durch nichts zu ersetzen. Nicht alle Aspekte der Selbständigkeit lassen einen jubelnd aufschreien und sofort alle „bodenständigen“ Zelte abbrechen. Nichtsdestotrotz schnuppere ich seit einiger Zeit begeistert in die freiberufliche Tätigkeit hinein, indem ich regelmäßig Webprojekte entwickle und somit nebenbei Geld verdiene mit Dingen, die ich hauptberuflich sowieso betreibe. Nur eben im Alleingang und in eigener Kosten/Nutzen-Verantwortung. Aber was genau reizt mich an diesem Beruf und wovor habe ich eventuell Angst, wenn ich an meine Zukunft als Web-Entwickler denke?

Soziale Ächtung oder Bewunderung?

Jeder Techniker/Programmierer/Entwickler kennt vermutlich so wie ich Licht und Schatten im sozialen Dasein: Da gibt es die Menschen, die mir und meinem Beruf mit Vorurteilen begegnen. Der IT’ler ist ein Nerd, ein Querdenker, zwar vermutlich nicht auf den Kopf gefallen, aber „cool und interessant“ geht anders. Ich kann mich an eine Situation erinnern, als mir in einem von mir betreuten Zeitschriftenverlag das erste Mal eine Kollegin begegnet ist und noch in der Begrüßung anmerkte „Sie sind bestimmt der IT’ler. Das sieht man sofort!“. Da geht man schon erstmal schockiert in sich und überlegt, wieso man eigentlich seit Jahren alles (scheinbar vergeblich) versucht hat, nicht als der typische Nerd dazustehen, den man auf Anhieb erkennt. Auf der anderen Seite geht es runter wie Öl, wenn man „Normalsterbliche“ neben sich sitzen hat und mit einfachen Coding-Künsten ein „Boah, ich könnte das nicht“ provoziert. Von daher ist gerade in meinem Berufsbild ein besonders schmaler Grat zwischen „interessant“ und „suspekt“ vorhanden. Was man nicht versteht, sieht man erstmal als sonderbar an. Das ist bei mir nicht anders, wenn ich z.B. Menschen über Quantenphysik referieren sehe. Wobei ich nicht mal soweit gehen müsste: Es gibt auch in meinem Berufsstand immer wieder Kollegen, die mir als „Freaks“ erscheinen. Es geht eben immer noch schlimmer, extremer, nerdiger, …

Anforderungen an den Geist

Manchmal beneide ich Menschen, die einfache Arbeitsabläufe haben und nicht permanent denken müssen. Einfach mal vor sich hinarbeiten ohne Probleme lösen zu müssen. Das hätte schon was. Wobei ich mich dann wieder Frage: wie lange will ich das? Ist es wirklich schön, nicht permanent nachdenken zu müssen bei der Arbeit die man verrichtet? Nehmen wir einen Gärtner: Als Gärtner zu arbeiten ist bestimmt spitze. Frische Luft, manchmal Einsamkeit, manchmal Teamwork. Immer im Einklang mit der Natur. Die Erde an den Händen, am Abend sieht man ein Ergebnis der Mühe. Von daher habe ich größten Respekt und manchmal auch Neid für diesen Berufsstand. Aber dann denke ich mir folgendes: Ist es nicht eigentlich am Ende auch immer das Selbe? Bäume schneiden, Hecken pflanzen, Blumen düngen, Rasen mähen…Nach einer Weile hat man Erfahrung und weiß automatisch, welche Arbeiten wie vonstatten gehen. Arbeit geht in Gewohnheit über und somit in einseitige Automatismen. Stumpft man dann nicht etwas ab und wünscht sich wiederum etwas mehr geistige Herausforderung? Da ist es in meinem Beruf doch irgendwie spannender. Quasi täglich gibt es Neuentwicklungen, die interessant sind. Ständig neue Herausforderungen, vor die man noch nicht gestellt wurde. Es gibt kaum etwas befriedigenderes als endlich ein Problem zu lösen, an dem man schon stundenlang herumgedoktert hat. Das permanente Optimieren der eigenen Fähigkeiten ist großartig. Zu sehen, wie man immer effektiver wird. Ein Hoch auf meinen Beruf! Auch wenn das ständige Weiterbilden doch auch eine Belastung darstellt und man höllisch aufpassen muss, in diesem Kreislauf nicht unterzugehen.

Anforderungen an den Körper

So wie der Gärtner seine körperliche Belastung hat, die ihn einerseits zwar fit hält, aber im Alter auch kaputt machen kann, habe auch ich als Web-Entwickler mit körperlichen Problemen zu kämpfen. Auch das kennt jeder Techniker. Man sitzt und sitzt und sitzt und sitzt und… Man wird irgendwie nervös, rastlos, die Bandscheiben verfluchen einen. Ohne ausgleichende Aktivität kann die ständige Arbeit vor dem Monitor für den Körper schlimmer sein, als körperliche Höchstleistung am Bau. Ich für mich persönlich sehe das als eine der größten Schwierigkeiten meines Berufes. Der innere Schweinehund ist verdammt hart zu bekämpfen, wenn man mitten in Projekten steckt, die einem alles an Zeit und Muße abverlangen. Aufzustehen, joggen zu gehen, Zeit mit der Familie und Freunden zu verbringen…eben einfach aktiv zu sein um einen Ausgleich zu schaffen…gar nicht so einfach.

Das ist nicht Arbeit: Das macht Spaß!

Warum bin ich eigentlich Informatiker geworden? Ich weiß das gar nicht mehr so genau. Aber ich bin froh, dass ich diesen Beruf habe. Und für mich ist es nicht nur mein Beruf: Es ist mein Hobby. Mir macht es nichts aus, so wie jetzt in diesem Moment, Samstag Nacht, einen Blogartikel zu schreiben. Mir macht es Spaß, kurz vor dem Schlafengehen meine RSS Feeds durchzugehen um zum Beispiel die besten SEO Tipps von Eric Kubitz oder die neuesten Erkenntnisse zu Local Search von Sebastian Socha zu erfahren. Andere sitzen abends vor der Glotze: ich entwickle.

Die Suchtgefahr

Vermutlich birgt der große Spaß an diesem Beruf auch eine der weiteren großen Gefahren: die Suchtgefahr. Ich halte mir regelmäßig vor Augen, dass das Leben kurz ist. Zu kurz um Zeit für Dinge zu verschwenden, die nicht relevant sind. Ich streiche Events aus meinem Leben, die für mich mehr Belastung als Spaß sind. Das funktioniert gut und ich muss das auch für meinen Beruf machen. Gerade da ich nebenbei als Web-Entwickler arbeite, stelle ich fest, dass es an die Substanz gehen kann, wenn man zu viel will. Ich mache nicht viel um neue Kunden zu generieren. Ich warte auf Laufkundschaft und das funktioniert für meine Zwecke sehr gut. Aktuell zu gut um alle Anfragen zu stemmen. Daher fasse ich den Entschluss, dass das Ablehnen von Aufträgen mir gut tun kann. Wenn die Tage wieder länger werden und man nicht sowieso nur zu hause sitzt, ist das Leben zu schön, als es 10-12 Stunden täglich vor dem Rechner zu bestreiten. Man muss auch mal abschalten und / oder resetten (also nicht nur den Rechner, auch das Leben).

Zukunftsaussichten

Wie will ich also weitermachen in meinem Beruf? Ich möchte weiterhin festangestellt hauptberuflich mein Geld verdienen. Weil es Spaß macht und Sicherheit bringt. Hat man den richtigen Arbeitgeber, sind die Nachteile gegenüber dem Selbständigsein nicht mehr so relevant wie man meint. Zu wissen, dass man einen Plan B in der Tasche hat, bringt mir dennoch weitere Sicherheit. Und da es zudem noch sehr viel Spaß macht nebenbei Projekte zu realisieren und daran zu wachsen, bleibe ich bei meinen Leisten…auch wenn ich kein Schuster bin.

Letzte Version vom 25. April 2018 von Netzgänger
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8 Kommentare

  1. JakeTheDog sagt:

    Also bei mir ist jetzt endgültig der Knoten geplatzt. Mich macht der Beruf total unglücklich. Jeden Tag so lange im Büro sitzen und nichts von der Welt draußen mitkriegen. Nur vor dem PC sitzen und wenig neue Leute kennen lernen. Das ist einfach nicht mein Ding. Es frustriert mich. Und es langweilt mich. Ich häng den Beruf jetzt an den Nagel und suche mir einen interessanteren Beruf, wo man auch mal was erleben kann. Vielleicht mache ich das noch nebenberuflich und verdien mir damit ein paar Kröten nebenbei, aber als Hauptberuf kann ich das nicht mehr weiter machen. Dieses Entwickler-Leben kann echt krank machen. Bin deswegen schon in psychiatrischer Behandlung. Ich kenne auch andere in dem Beruf, denen es genau so geht. Also ich kann der Aussage dieses Artikels nur widersprechen. Es gibt Leute in dieser Branche die sind sehr unglücklich…

    • Die Aussage ist ja nicht gänzlich positiv. Die Gefahren werden ja dargestellt. Ich kann dich verstehen. Es ist unbedingt wichtig, so viel Ausgleich wie nötig zu schaffen. Den ganzen Tag in die Tastatur hacken ohne „Ansprache“ kann sehr frustierend sein.

  2. Jonathan sagt:

    Richtig schön geschrieben.

    Kann ich dir vollkommen zustimmen und ich bin gerade mal Schüler. Alle spielen sie mit dem Handy rum , nur kaum einer kennt sich mit Technik aus…. und wenn man Gamer ist , dann ist man gleich wieder Gewalttätig.

    Nur erstmal muss man den Weg zum Webentwickler finden 🙁
    Programmiere jetzt seit Jahre, einfach weil es mir Spaß macht und nur noch 6 Monate dann kann es endlich losgehen bei der Ausbildung 🙂

  3. JakeTheDog sagt:

    Das ist nicht für jeden etwas.

    Ich schimpfe mich selbst auch Web-Entwickler und mir macht dieser Beruf leider keinen Spaß. Bin gerade erst mit meiner Ausbildung fertig geworden und hab von meinem Beruf eigentkich schon genug. Ich kann mich einfach für nichts mehr aus diesem Beruf begeistern. Vielleicht haben sich irgendwie meine Interessen gewandelt oder ich wär von Anfang an nicht wirklich geeignet für diesen Beruf, aber ich bekomme einfach oft auch nichts hin und muss mir helfen lassen und das ist schon extrem frustrierend.

    Schön dass es Leute gibt, denen das wirklich so viel Spaß macht, aber man muss für diesen Beruf schon irgendwie gemacht sein. Auch wenn immer gesagt wird, das kann jeder – Ich bin wohl das beste Gegenbeispiel. Ich kann es nicht und hab mir irgendwie den falschen Beruf ausgesucht. Man braucht echt eine hohe Frustrationsgrenze und muss auch so denken können wie ein Entwickler und das kann einfach nicht jeder. Ich werde mich noch mal neu orientieren müssen und hoffe dass ich bald etwas anderes finde.

  4. Lisa sagt:

    Ist sicher auch immer Geschmackssache, ob man nun selbstständig oder angestellt sein möchte. Angestellt hat man alle Sicherheiten, als Selbstständiger KANN man eventuell, wenn es gut läuft und hart arbeitet (man bemerkt die Einschränkungen) mehr verdienen. Ob es das dann wert ist, ist eine andere Frage. Denn die Zeit, die dabei draufgeht, bekommt man nie wieder zurück!

  5. Herbert sagt:

    Hervorragende Artikel der es auf den Punkt bringt. Oft genug hört man im Onlinebereich, dies sei keine anstrengende Arbeit, man habe ja null körperliche Belastung. Das geistige Arbeit genauso anstrengend sein kann, wenn man 10h und mehr pro Arbeitstag am PC verbringt wird oft nicht gesehen.

  6. Münchner sagt:

    Hey, ich finde das einen wirklich toll verfassten Beitrag, der das Berufsleben eines Entwicklers prima beschreibt. Ich hatte erst letzte Woche wieder mehrere 12 Stunden Tage und habe mich dann am WE gefragt, ob es das wirklich Wert ist. Fakt ist einfach, dass die Arbeit Spaß macht und man eben, genau wie du auch schreibst, ständig vor neuen Herausforderungen steht und sich somit permanent weiter entwickelt.
    Aber mal abwarten, ob ich kurz vor der Rente immer noch so denke -;) Es ist einfach Wahnsinn, wie viel Lebenszeit man vorm Rechner verbringt… das ist einfach mal Fakt.

    Gruß aus München!

  7. Beate sagt:

    Hier kann ich nur zustimmen.
    Ein Garten als Ausgleich gefällt mir besser als joggen. Die beiden Hobbys ergänzen sich ideal 🙂

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